von Larus am 11. Februar 2010, 01:55
Der ist aber durstig, dachte Larus. Das Klischee war also doch keins, dass Zwerge wohl ihr eigenes Körpergewicht an Bier saufen konnten. Wäre er nicht am Singen gewesen, hätte er über die Szenerie herzlich gelacht und vielleicht einen augenzwinkernden Spruch in die Mitte geworfen, aber eben, das ging gerade nicht. Leider konnte der Musikant nicht genau verstehen, was am Tisch besprochen wurde. Sulaya fragte Paramo irgendwas wegen "rot", das konnte sich eigentlich nur auf dessen Hautfarbe beziehen, doch Paramos verwunderte Reaktion liess Larus zweifeln. Hätte die Frage wirklich dem Aussehen des Elfen gegolten, wäre dieser wahrscheinlich nicht verwundert gewesen, da er Fragen über seine Farbe und den unüblichen Bart hierzulande wohl gewohnt gewesen wäre. Ausserdem waren die drei wahrscheinlich schon länger zusammen unterwegs und hatten solche Banalitäten bereits geklärt. Als der Elf etwas erwiderte und das Wort Feuer benutzte, trugen die Gedanken den Spielmann unweigerlich zum bevorstehenden Mittwinterfest und dem grossen Feuer, das jeweils auf den Stadt- und Dorfplätzen entzündet wurde. Ja, diese Feste waren jeweils Goldgruben für Artisten und wahre Volksbesäufnisse, eine tolle Sache, dachte Larus, und vielleicht werde ich dort ja Maerhild wiedersehen. Schon wieder musste er an sie denken und das nervte ihn.
Als das Athronoslied fertig war, fiedelte er noch ein paar der bekannten Mitwinterlieder, ohne sie gesanglich zu begleiten. Soll singen wer Lust hat, den Text kennen sie ja! Mittlerweilen hatten seine Trinkgenossen ihr Mahl beendet und der Musikant fragte sich, ob er die Tischdame auffordern sollte, ihm beim eintreiben des Tributes von den Zuhörern zu helfen. Sie könnten zusammen von Tisch zu Tisch gehen, er weiterspielend, sie den Humpen rumreichend, der einmal das Bier von ihrer spendierter Runde enthalten hatte, und einkassieren. Er verwarf jedoch den Gedanken, da er zu fest nach Anmache roch. Ausserdem hatter er sich noch immer nicht wirklich von Maerhild gelöst. Man hat zwar zwei Augen, doch richtet man sie auf zwei verschiedene Dinge, rennt man irgendwann in etwas schmerzhaft Hartes. Dieser Spruch seines Vaters sprang in Larus‘ Bewusstsein, welches aber sofort konterte, Dann wird es höchste Zeit, ein Auge zuzudrücken, so hätte er sich nochmal fast um entschieden. Aber nur fast.
Der Spielmann sprang elegant von seinem Hocker, musste bei der Landung aber ein paar torkelnde Schritte in Kauf nehmen, was ihn verdross, da dadurch seine Eleganz futsch war. Der Alkohol ging auch an ihm, einem gewohnten Trinker, nicht spurlos vorüber. Insbesondere, da er heute noch kaum was gegessen hatte. Das Nachtessen würde er im Zimmer zu sich nehmen, dort hatte er noch einen Rest altes Brot und Trockenwurst am Lager. Das war billiger, als sich ein warmes Mahl zu leisten. Er hasste sein verlegenes Lächeln, das er seines misslungenen Abgangs wegen in die Runde warf. Viel lieber hätte er den Hocker an die Wand geknallt. Stattdessen scherzte er: „Seht, seht! Wie muss der Boden mich vermisst haben, dass er mir so forsch entgegengesprungen ist!“ Daraufhin machte er eine kleine Verneigung gegenüber den Tischgefährten und meinte in bescheidenem Tonfall: „ Mögt ihr mich kurz entschuldigen, aber ein Bauer muss ernten, solange die Früchte reif sind.“ Larus fand allmählich seine Eleganz wider, schnappte sich den leeren Bierkrug, drängte sich fachmännisch von Tisch zu Tisch, scherzte hier, klopfte da auf Schultern, grüsste Leute, die er schon an Vorabenden gesehen hatte wie alte Freunde, fragte kurz nach dem Verlauf ihrer Geschäfte, nahm einen vollen Humpen an, prostete und trank, prostete und trank, prostete und trank und liess nebenbei unaufdringlich den leeren Humpen kreisen. Dessen Boden füllte sich mehrschichtig mit Viertelstücken, es war ein guter Abend. Auch wenn er jenem vorlauten Händler kein Kupfer mehr abzweigen konnte, so hatte dieser doch wenigstens die Stimmung nicht verderben können oder im Gegenteil, Larus sogar eine Plattform geboten, seinen Schalk auszuspielen.
Auf dem Rückweg zum Tisch kippte er den wenigen Rest des Kruges, den er erhalten hatte, hinunter, verlangte an der Theke einen neuen, liess, währen der Wirt zapfte, zufrieden die Viertelstücke in seine Tasche klimpern -seine Stimmung hatte sich dank seinem Erfolg wieder aufgehellt- und machte sich auf, um zu seiner Gesellschaft zurückzukehren. Auf dem kurzen Weg wich er in einer tänzelnden Pirouette einem Betrunkenen aus, balancierte geschickt das schwappende Bier aus und stellte es schliesslich übervorsichtig an seinem Platz ab. Zum ersten Mal an diesem Abend benutzte er den Hocker wofür er vorgesehen war, nämlich indem er sich darauf setzte. Er blickte in die Runde und war in diesem einen Moment recht glücklich. Dann fixierte er gespielt überrascht das Bier, kniff darauf sinnend die Augen zusammen, legte seine Hände an den Sockel des Humpens und begann ihn langsam zu drehen, als sei er unheimlich gewichtig. Dazu äusserte Larus einen Gedanken, den ihn schon immer fasziniert hat: „Merkt ihr es? Das sachte Zittern und Beben? Wenn ihr ganz konzentriert fühlt, dann spürt ihr, dass sich nicht das Bier in diesem Raum dreht, sondern der ganze Raum um das Bier“ Dies gesagt, durchbrach ein Lächeln seinen sinnenden Ausdruck, als er den Doppelsinn seiner Rede bemerkte. Ja, es dreht sich in diesem Raum wirklich fast alles um das Met. Die Drehung beendete er, als der Griff auf den Zwergen zeigte. Ebenso langsam wie er gedreht hatte, schob er den Behälter eine Handbreite in dessen Richtung, wobei sich die Lachfältchen neben seinen Augen noch vertieften. Larus hob seine Augen vom Bier und blickte dem Bergler über den Rand des Kruges direkt in die Augen: „Der Handel steht und gilt! Möge das Silber nicht nur aus euren Minen, sondern auch von eurer Zunge fliessen und uns mit ungeahntem übergiessen, möge unsere Fantasie wie Vögel fliegen, auf Liedes Schwingen in ferne Heimat, wo Sehnsucht, Stolz und Abenteuer liegen! Sagt mir, Ashhak, schlagt ihr ein?“
Lasse lieber Lindenbaum
Grün erleuchten deine Wogen
Lass erschallen leisen Traum
Lärchenlied im Blätterbogen